Was ist ADHS?

Die Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADHS) ist ein Syndrom mit vielen Facetten. ADHS ist eine hirnphysiologisch bedingte Störung, die sich in der Pubertät nicht auswächst. Im Laufe des Lebens verändern sich zwar die typischen Symptome, die wir von Kindern her kennen ("Zappelphilipp") und zeigen sich altersentsprechend in anderen Lebensbereichen. Die Diagnose einer ADHS darf erst nach einer fundierten Abklärung gestellt werden.

Symptome der ADHS

Die ADHS wird meist primär von der defizitorientierten Seite betrachtet. Bevor ich zu den Symptomkomplexen komme, möchte ich einige Merkmale aufzählen, die auf ADHS-betroffene Menschen fast immer und in verstärktem Ausmasse zutreffen: Sie sind kreativ, phantasievoll, begeisterungsfähig, haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und verfügen über eine gewisse Portion Humor.

 

Gemäss ICD-10 muss eine ADHS in den ersten 5-7 Jahren zu Tage treten. Folgende Symptome müssen vorhanden sein:

  • Aufmerksamkeitsstörung

Darunter versteht man Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit, Ablenkbarkeit (es werden 10 Aufgaben angefangen und keine zu Ende gebracht), geringe Spanne der Daueraufmerksamkeit. Es findet ein Verlust von Informationen zwischen Kurz- und Langzeitgedächtnis statt. Problematisch gestaltet sich die Selbstorganisation und Aktivierung bei Routineaufgaben. Langeweile und Ungeduld treten dabei rasch auf. Mangelnde Organisationsfähigkeit und fehlendes Zeitmangagement gehört ebenso in diesen Bereich.

  • Impulsivität

Durch die nicht adäquat ausgebildete Kontrolle der Impulsivität kommt es in vielen Bereichen zu unüberlegten Äusserungen und Handlungen. Ebenso ist altersgemässes Abwarten der Bedürfnisbefriedigung nicht möglich. Dadurch werden "risikoreiche" Ideen (z.B. Temporausch auf der Strasse oder Kaufrausch) umgesetzt, ohne vorher die Gefahren abzuschätzen. Nicht selten führt dieses Verhalten in die Schuldenfalle. Eine weitere Konsequenz ist das Anecken im sozialen Kontakt. Die Folge im Erwachsenenalter sind häufige Stellen- / Partnerwechsel. Kinder mit ADHS werden oft gemobbt.

  • Hyper- oder Hypoaktivität

Hyperaktive Menschen sind dauernd in Bewegung. Die Hyperaktivität kann sich in der Pubertät verlieren; die äusserliche Unruhe wandelt sich meist zu einer inneren. Von Hypoaktivität spricht man bei Menschen, die zu wenig Antrieb haben. Hypoaktive Menschen werden meist als träge angesehen. Sie driften mit ihren Gedanken ab und gelten als Träumer.

  • Niedrige Frustrationstoleranz und Emotionale Überreagibilität

Die Ursache für die meisten dieser Symptome stellt die Reizüberflutung dar. ADHS-Betroffene nehmen viel mehr Stiumuli auf allen Ebenen wahr. Das können Geräusche, Lichtreflexe, Gerüche oder Stimmungen sein. Dabei können sie relevante Reize nicht von irrelevanten unterscheiden und daher letztere auch nicht ausblenden. Durch diese ständige Reizüberflutung werden ADHS-Betroffene müde, gereizt und die

Chance für eine Überreaktion steigt.

Ursachen der ADHS

Heute weiss man, dass die Ansicht, ADHS sei ein auf Erziehungsfehler oder schwierige familiäre Verhältnisse zurückgehendes soziales oder pädagogisches Problem nicht zutrifft. Aus neuesten Forschungsergebnissen geht hervor, dass die Grundlage von ADHS neurobiologisch zu erklären ist. ADHS geht auf eine Störung der neuronalen Signalverarbeitung im Gehirn zurück. Untersuchungen zeigen, dass neuronale Regelkreise im Frontalhirn und im Striatium betroffen sind. Diese Bereiche sind für die Planung, die Problemlösung und die Impulskontrolle verantwortlich. Es liegen Stoffwechselstörungen vor, welche die Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin betreffen. Während Dopamin eine wesentliche Rolle für den Antrieb und die Motivation spielt, ist das Noradrenalin für die Aufmerksamkeitsleistungen wichtig. Diese Bodenstoffe leiten Stimuli von einer Zelle zur nächsten. Problematisch wird der Transport beim synaptischen Spalt, da die Neurotransmitter in der aussendenden Zelle oft wiederaufgenommen werden und die Signale damit nicht weitergeleitet werden.

Studien zeigen, dass ADHS zu einem grossen Teil erblich bedingt ist. Gemäss neuesten Forschungsergebnissen kann heute bereits ausgesagt werden, welche Chromosomen Träger sind.

Behandlungsmethoden

Bei der Behandlung einer ADHS ist die wichtigste Komponente, dass vernetzt gearbeitet wird. Alle wichtigen Stellen im System einer Person, sollten in die Zusammenarbeit angebunden werden. Der Ansatz sollte multimodal und den Bedürfnissen der Menschen angepasst sein.

Einerseits kann eine Medikation eine hilfreiche Stütze sein. Das Medikament ist jedoch nicht alles. Das Aufsuchen einer Psychotherapie oder einer anderen Therapie ist sinnvoll. Schliesslich muss der Betroffene lernen, mit dem Handicap umzugehen. Wird ADHS erst im Erwachsenenalter entdeckt, liegen meist schon erhebliche Verletzungen aus der Vergangenheit bzw. Komorbiditäten wie Depression, Angst- und Panikerkrankungen, Suchtkrankheiten, Delinquenz vor. In diesem Fall ist eine Therapie besonders indiziert.